„Vieles im Alltag braucht man gar nicht“

Pfarrer Mathias Metzmacher war drei Wochen auf dem Schweizer Jakobsweg unterwegs
Dienstag, 21.02.2012
Festes Schuhwerk und „Perlen des Glaubens“ waren hilfreiche Begleiter von Pfarrer Matthias Metzmacher auf dem Schweizer Jakobsweg

„Vieles im Alltag braucht man gar nicht“, resümierte Matthias Metzmacher, Pfarrer für Gesellschaftliche Verantwortung der evangelischen Kirche Rhein-Lahn, nach einer dreiwöchigen Tour über den Schweizer Jakobsweg. Was wie eine Binsenweisheit klingt, erlebte der Theologe jedoch bei seinem „Beten mit den Füßen“, wie das Pilgern oft genannt wird, als ganz reale befreiende wie bereichernde Erfahrung.

Im Gemeindehaus der evangelischen Stiftskirchengemeinde Diez berichtete Metzmacher jetzt einem großen Kreis Pilger-Interessenten von seiner Tour von Konstanz nach Genf. Die aus Schweden stammenden „Perlen des Glaubens“ waren spirituelle Begleiter auf der 400 Kilometer langen Strecke. Die 18 unterschiedlich großen und farbigen Perlen symbolisieren etwa Gott, Liebe, Gelassenheit, Sehnsucht, Nacht, Hoffnung oder das eigene Ich, wecken Assoziationen, über die Metzmacher auch bei seiner Pilgertour ins Nachdenken kam. Ansonsten füllten Badeschlappen, Kartenmaterial und Pilger-Pass, zwei kleine Plastik-Wasserflaschen, die sich an Brunnen immer wieder auffüllen ließen, Handy, ein Zelt, etwas Kochgeschirr (Metzmacher: „Man weiß ja nie“) und Kleidung den großen Rucksack – fast 20 Kilo insgesamt, viel zu viel, wie sich bald herausstellte.

Die „Wüstenperle“ kam ihm als erstes in den Sinn: Die erste Woche der Umstellung empfand der Theologe noch als große Strapaze angesichts Komfort-Verzicht, manchem Regenschutt sowie schmerzender Beine und Füße. Dann machte sich eine gewisse Gelassenheit in ihm breit und er genoss mehr und mehr das Gefühl der Freiheit, auch mal dort stehen zu bleiben, wo er will, was beim Pilgern mit einer Gruppe schwierig sei. „Während manche Pilger das Nachtlager um 7 Uhr verließen, folgte ich quasi der Stimme meines Herzens, besuchte sonntags etwa einen Gottesdienst.“ Anschließend ließ er sich zum Kaffee einladen. „Gerade die Perlen des Glaubens an meinem Rucksack waren Anknüpfungspunkt für viele Gespräche.“ Auch seelsorgerische waren dabei.

Das verkürzte zwar die Tagesleistung an Kilometern, erweiterte aber den Horizont. Preiswerte Pilgerherbergen und Privatquartiere, teils Nachtlager auf einfachem Stroh, gibt es entlang der Route einige, wenngleich es manchmal Glück oder vielmehr Gottvertrauen bedurfte, noch einen Platz zu ergattern. Entlastung verschaffte Metzmacher nicht nur die Möglichkeit, in der ersten Woche an einem seiner Quartiere unnötigen Ballast wie Zelt und Kochutensilien in die Heimat schicken zu können. „Mit den verbliebenen elf Kilo Gepäck konnte ich gut gehen“, an Körpergewicht büßte er in den drei Wochen etwa sechs Kilo ein.

Der äußeren gesellte sich die innere Erleichterung hinzu, durch Momente der Stille ebenso wie bei zwei Einkehrtagen im Kloster Einsiedeln oder durch eine Reihe von Begegnungen, „wenngleich im Gegensatz zu bekannteren Jakobswegen für August sehr wenig Pilger unterwegs waren“. So stimmte er einmal ganz allein in einer Kapelle einen Taizé-Gesang an, bevor hinter ihm eine zweite Stimme ertönte. Sogar eine junge Pilger-Familie mit Kind begegnete ihm.

Sein Fazit: „In jungen Jahren treibt einen oft sportlicher Ehrgeiz an, heute ist es mehr die Sehnsucht nach Qualität“, so Metzmacher, „die Frage, was wirklich satt macht.“ Die allabendliche Fernsehberieselung sei es sicher nicht. Zwischen 40 und 60 Jahren alt seien die meisten Pilger. So schloss sich der pilgernde Theologe den vielen dankbaren Kommentaren an, die er unterwegs in Pilgerbüchern las. Mit seinen Eindrücken weckte er zudem bei den Zuhörern in Diez die Lust, durch die pilgernde Entbehrung nicht etwa Weltflucht zu betreiben, sondern vielmehr den Blick auf das Schöne des Lebens zu schärfen und sich aus neuen Perspektiven heraus den Herausforderungen des Alltags zu stellen.

Wörtlich: „Reframing ist ein gutes Mittel, trotz heftiger Schnarchgeräusche in einer Pilgerherberge einzuschlafen: Man stellt sich vor, Sägewerksbesitzer zu sein und freut sich, dass alle so fleißig am Arbeiten sind.“ Ein amüsantes Beispiel von Matthias Metzmacher, wie Pilgern den Perspektivwechsel fördert.

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